Sonntag

Riten und Begebenheiten, Alltag und besondere Anlässe.

Es war einer dieser Sonntage, die vergisst man niemals. Genau diese Tage prägen, geben dem Quantum die besondere Tugend. Wie jeden Sonntag war der Kirchgang angesagt. Das schwere Gefährt wurde von Francis geputzt, es glänzte in der Sonne, die anständigen Kleider, der passende Aufzug, langsam fuhren wir los. Ein schönes Ritual, eine Geste dem Herren gegenüber, wir waren immer sehr vernünftig am Sonntag. Er bot etwas Abstand, man sprach auf dem Hinweg wenig, die kleine Kirche 2 Orte weiter, man versammelte sich mit Gleichgesinnten. Festlich, die Predigten, nur auf dem Beichtstuhl war ich nie. Madame erzählte mir oft von der Vergangenheit, spannend, irgendwann berichte ich davon.



Es gehörte dazu, immer wenn ich an einer Kirche vorbei komme, immer dann, Gedanken. Die Bänke waren voll, wir Jugendlichen grüßten uns versteckt, alle waren „brav“. Was mir auffiel waren die Unterschiede der Predigten, im Winter waren sie immer etwas düsterer. Jedenfalls traf man sich danach noch vor dem Gebetshaus, man konnte sich wieder normal unterhalten, die notwendige Anspannung war weg, als Pflicht habe ich es nie empfunden. An dem Sonntag damals, da fuhren wir im Anschluss ans Meer. Gemeinsam mit Bekannten, eine lange Tafel war aufgebaut, direkt am Strand. Weiße Tücher, Blumeninseln, das Geschirr, unaufdringlich, der Gitarrist spielte schon als wir kamen.


Sprudelwasser, die rosa Perlen in den Tulpen, Champagner, in edlen Behältnissen Eiswürfel, Tabletts mit Austern, ein Grill, weiße Kleidung, Südfrankreich in den 80ern.


Irgendwann saßen alle, Vater gab die erste Rede, so selten da, eine Feier war angesagt, in der Ferne die Yachten, malerisch. Halb Entschuldigung für häufige Abwesenheit, halb Erklärung da bin ich nun, irgendwann Klatschten alle brav und stießen an, Duft von gegrilltem Fisch, knuspriges Baguette, Zitrone und Obst in ausreichender Menge. Bei solchen gemeinsamen Essenszeremonien musste ich immer an die Lehrstunden denken, die ich mit gnädiger Frau durchlebte, in denen ich zum Beispiel das perfekte Abzupfen von zart gebratenem Fasanenfleisch übte, die Varietät, mit 2 Fingern, inklusive lasziven Ablecken danach. Mir war damals noch nicht klar, wie sehr mir das helfen wird, oft glaubt man gar nicht was wichtig ist in der Zukunft.


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Nachdem die meisten fertig waren mit Essen, wurde alles abgeräumt, neue Tücher wurden aufgelegt, am Abend kommen noch Gäste.


Die erste Begegnung mit einem jungen Maler, den Namen möchte ich nicht verraten, wir werden ihn Jules nennen. Ein talentierter Künstler, Ölfarben, die Staffelei, er kam immer zu den Festlichkeiten, so auch an dem Sonntag damals. Irgendwo habe ich noch ein Foto, hab es nicht eingeklebt, wenn ich es finde, werde es zeigen. Sicher hatte ich ihn schon oft gesehen, er spielte ja eine wichtige Rolle, aber das erste mal als er mich entdeckte, also so, dass wahrscheinlich seine innere Stimme begann zu Skizzieren, was es alles an fraulichen Elementen an mir, bildlich festzuhalten gäbe. Von Madame hatte ich bereits erfahren, das im Gegenteil zu manch anderem „Pinselschwinger“, er nie das Modell oder die Modelle zu erstarrtem Verharren verurteilte. Anders ist er, schnell hat er das Motiv, malt konzentriert, schaut lange und korrigiert wenn nötig. Das Kichern der Manns-tollen, wenn er die Angetrauten der reichen Söhne auf die Leinwand brachte, die derweil die edlen Karossen der Väter riskant durch die Serpentinen steuerten. Auch an dem Sonntag malte er eine wunderschöne Braut, in den Hintergrund setzte er den Strand und die lange Tafel, verwaschen, nur angedeutet, das Publikum, ein schöner Abend…

für Maria

„Von einer Frau kann man alles erfahren, wenn man keine Fragen stellt.“
William Somerset Maugham