Hospitation

Je später der Abend…

Er war da! Gestern, am späten Abend klopfte es, exaltiert, bizarr, sehr eindrucksvoll, er blieb die ganze Nacht. Tagsüber spazierte ich durch den Ort, aufgeregt war ich, die kleine Kapelle, begrüßt wurde ich von einem Dämonen. Handwerkskunst der ganz besonderen Art, überall konkrete Metaphern, Parabeln, mystische Bildhaftigkeit. Ergreifend, unfassbar, obwohl es so nah ist, vielleicht ist das der Grund. Lang ist es her gewesen, das letzte mal, fast unverändert, ein Denkmal, ein Platz, schwer. Sitzen, schauen, vielleicht 30 Minuten, es war am Morgen, keinem wirklich begegnet.


Kurz vor Mittag beendete ich die erste Visite, ein feines Mittagsmahl bereitete ich mir zu. Bestellt hatte ich die Zutaten schon von zuhause aus, geliefert wurde pünktlich. Der alte Citroen 2CV im glanzlosen grau, gut erhalten, der passende Lenker, Inszenierung? Vielleicht, noch führe ich Regie. Den Korb durfte ich behalten, frisches Filet, eine besondere Kartoffelsorte, Gemüse, Salat und ein Ensemble an Gewürzen. Mehl, Eier, guter Rotwein, etwas vom Spritzigem, Brot und Butter, zum Fasten bin ich nicht hier. Der Bote trug alles brav nach oben, ich habe mich nicht lumpen lassen, unaufdringlich empfing er sein kleines Extra und verabschiedete sich artig. Kochen, selbständig, was für ein Luxus, nur für mich allein, der erste Schluck Rotwein vertrieb die Wolken, die Tournedos müssen gelingen, ich hatte nur einen Versuch.


Klein ist die Küche, das Fenster öffnet den Blick. Madame hatte mir ja gezeigt, das Kochen, ohne Vorlage, aus dem Bauch heraus sicher nicht, genießen kann ich, ein Gefühl dafür habe ich entwickelt. Zunächst schälte ich die 2 großen Erdäpfel und brachte sie in einem Topf zum Herd. Salz in das Wasser, die Flamme wird schnell Hitze geben. Stramme Karotten, ebenso mit hinein, zeitlich abgestimmt natürlich. Im warmen Butterbad, leicht schwenken, etwas frische Kräuter aus dem Garten unten, Deckel drauf… Das Fleisch zerteilte ich in 3 Stücke, rieb es mit Salz und dunkelstem Pfeffer ein, wälzte es in Mehl und briet es scharf an, bevor es bei ca. 70 Grad in den Ofen kam, der Zweig Thymian gab etwas Duft dazu. Salat, Öl, etwas Zitrone, irgendwann war alles perfekt. Ein halbes Glas vom Roten kippte ich in die Mehlschwitze, etwas Bratensaft auch und lies es ein-köcheln, ein glänzendes Sösschen, für so ein Mahl braucht es keinen Hunger. Paul wäre stolz auf mich gewesen…


Nach dem Essen gönnte ich mir einen Vodka. Madame Richter, die alte Dame aus Paris, sie deutete schon an, dass späterer Gast weit gereist ist, gerade die Gebiete im Osten Europas, ein breites Betätigungsfeld hat dieser Mensch. Beschrieben hat sie ihn nicht, warum auch, die Gelüste und Vorlieben in manchen Bereichen, erklären oft mehr als strikte Oberflächlichkeit. Nach einer Zigarette legte ich mich auf das altertümliche Bett und schlummerte bei Franz Liszt Variationen des Faust.


Bäume


Ein dumpfes, rücksichtsvolles Klopfen lies mich ermuntern, den Sonnenuntergang hatte ich verschlafen. Die reizende Hausherrin kündigte späten Gast an, der, nach meiner Einwilligung, die Treppe hinauf kam. Man ist ja oft unvorbereitet, obwohl, so oft kam dies eigentlich gar nicht vor und nun das!  Bonsoir, war das erste was der Herr sagte, ich übernahm ihn und gewährte ihm Eintritt. Verschlafen, das Geschirr, die Küche, in diesem Moment spürte ich was es bedeutet, freiwillig auf gewohnte Entourage zu verzichten, Improvisation? Kein Handkuss, schweigend ging er zum Fenster und blickte hinaus. Nun ist so eine Begegnung, auf dieser Ebene, nicht geeignet, in den Modus einer Wohngemeinschaft zu verfallen, deshalb holte ich gleich ein Tablett mit 2 Gläsern und besagter Flasche Vodka, ohne das obligatorische Wasser zu vergessen und bot meinem Gast einen Willkommenstrunk an.


„Sagen Sie einfach Herr Doktor Maria, falls Sie ein Bad nehmen möchten, ich werde hier warten. Etwas Lesestoff haben Sie ja ausgelegt, es wird die Zeit verkürzen…“

Diese Worte klangen weder fordernd noch fragend, es gab mir etwas Raum und Zeit, die Wanne lief voll, ob er es mitbekam, dass ich die Badezimmertür verriegelte? Was für Gedanken, wirklich unpassend, oder? Schaum bis über den Rand, groß ist das Badebecken, die geschwungene Armatur, Duft und der Blick hinaus in die dunkle Abendkulisse.


Gut tat das Bad, wirklich erfrischend, vor dem Spiegel die Neugeborene, es passt so schön hier her. In einem Bademantel des Hauses schlich ich mich ins Schlafzimmerchen, ein Kostüm, die Haare gebunden, barfuß. Nach fast einer Stunde begab ich mich zu ihm, er saß am Schreibtisch, etwas schräg, blätterte im Album und blickte mich an, als ich mich auf das kleine Kanapee setzte. Angewinkelt meine Beine, er gesellte sich dazu, stellte das Tablett auf den Tisch und nahm auf dem Sessel platz. Die starke Beziehung die man aufbaut, durch pures Lesen, ohne wirklichen Bezug zu demjenigen, sie lässt eine unvoreingenommene Begegnung, an so einem Platz, nicht zu. Wir stießen mit dem Kartoffelschnaps an, Herr Doktor, Maria, eine bemerkenswerte Stimmung. Nur der Gedanke, in dem einen Kopf, alles…


Die Musik spielte, er schaute mich an, auf seine Frage nach der Motivation dieses Treffens, antwortete ich ausschweifend. Mich reizte es, diese Verbindung, das unmögliche Netz, spurlos, immer aktiv. Nachdem er ausgetrunken hatte, zündete er die Kerzen an, löschte das Kunstlicht.


Auf Empfehlung von Frau Richter bin ich auf Sie gekommen, es ehrt mich sehr, es ist wirklich wichtig für mich, nicht dass ich besessen wäre, aber die Kräfte sind enorm, ich musste Sie kennen lernen. Erzählen Sie mir bitte von Ihren Umtrieben, von den Behandlungen auch, wie muss ich mir das vorstellen Herr Doktor? Wie komme ich Ihnen vor? Der Vodka wirkte, die Sitzposition wich der liegenden, ich war nun bereit zu empfangen.


Maria, die Welt ist so in Bewegung, an diesem Ort hier, es ist auch für mich fundamental, überstürzen darf ich nichts, geben Sie mir etwas Zeit, ich notiere ein wenig…


Der Zettel liegt gerade vor mir, es brauchte einige Fragen, in meine Richtung, ich verstand es erst gar nicht. Bündnisse dieser Art, in dem Ausmaß, die Kammer wuchs zu einer Kathedrale, zu einer Gruft, oft verließen wir auch den Raum, begaben uns in die Ferne, ich begriff langsam. Was glauben Sie Maria, was ich von Ihnen weiß? Was wissen Sie von mir? Ist der Umstand in dem wir uns jetzt befinden stimulierend, belebend, wir wollen doch Harmonie!? Während er die Fragen stellte, formte ich meine, wie oft hat er schon Kontakt gehabt, mit dem Teufel? In seinem Aufzug, ganz stilvoll, unergründlich sein Blick. Maria, Sie wissen dass ich einige Entschlüsse getroffen habe, nur deshalb kann ich in dieser Angelegenheit bei Ihnen sein, es war der Wunsch, das Verlangen. Geist verbindet sich am besten ohne körperliche Ablenkungen, die Vereinbarungen sind getroffen, Madame Richter ist eingeweiht, wenn ich hier wieder verschwinde, dann sind Sie keine andere. Den Unterschied zwischen purer Sexualität und Erotik, zwischen Liebe und Hass, das Leben als solches, der Leib, die Formen, Ihre gute Erziehung trug ausreichend Früchte, auch der Tod spielt eine Rolle! Als ich vorhin in dem Album blätterte, ich gestattete mir einige Seiten, die Qualitäten sind bezeichnend, geben Sie weiter. Fotografie, Gemälde, das festgehaltene Original, ist es ein Beweis?


Erziehung, auf dieser Ebene, Erwachsene, das braucht Verstand Maria, Sie wissen das. Oft ist es ein kleiner Schritt, in einem explizierendem Moment, man muss die neuen Formen unbedingt beachten. Nicht ohne Grund habe ich mich etwas gelöst, erforsche selbst, die Diagnostik ist oft erschütternd. Wahnsinn, Ekstase, die vielen irren Gedanken einiger Leute, ich kümmre mich nur um besondere Fälle. Die Schriften muss man verstehen, den Zusammenhang erkennen, die stetige Aufdrieselung, völlig unnötig Maria.


Auf die Frage von mir, wie es nun ist mit dem Teufel, keine wirkliche Antwort, er fing an zu erzählen…


Ein sehr guter Vodka Maria, Ihre Frage ist zwar kurz gestellt, aber wie soll ich sie nun beantworten? Glauben, Vertrauen, Symbole und Zeichen, die vielen Geschichten, Ihr Interesse ist stark. In mir sind Plus und Minus, immer in einer gewissen Dynamik, ich profitiere von Ihnen gerade. Wann begann das Interesse? War es im Kopf, formuliert, war es der Körper, wie stark war es? Ich möchte nicht die Antwort, schauen Sie mich nur an. Reagieren Sie bitte, ist es Plus, ist es Minus? Dieser Ort hat Geschichte, die hohe Verdichtung, es ist da, wir sind hier. Liegen Sie bequem? In einigen Behandlungen stehen die Protagonisten, die Sicht ist verdeckt, Experimente, heute, bei Ihnen, rein informativ. Warum haben Sie vorhin die Badetür verriegelt? Hatten Sie das Gefühl ich würde einfach hinein kommen? Hier unterm Dach, ich vor der Tür, Sie nackt, welch einzigartige Situation.


Er erklärte die Prozessionen, die Rituale, wir unterhielten uns über die allgemeine Lehre, das Treiben, die Bekehrung, das weibliche Spannungsfeld in mir. Brauchbar, ich konnte nicht genug bekommen, ein Licht ging mir auf, die Abgelegenheit tut ihr Gutes dazu. Das Seelenleben ist sensibel, oft scheint der Körper entgegen zu wirken, die Wege der Gedanken treten sich ein, die Neuausrichtung war gut. Immer wieder holten wir Begriffe hervor, lasen nach, verglichen die Schriften, immer wieder landeten wir beim Fleisch, Körper, die Lust, das Verlangen. Beherrschung seiner selbst, Grundlage, die Angriffe gegen die Ordnung, oft selbst initiiert. Zu welchen Leistungen ich fähig bin, die Lektionen mit Herrn Doktor zeigten unerhörte Wirkung. Beschrieben hat er die Begegnungen in der Ferne, Kommunikation, starke Kulturen, vom Grunde her allerdings, fast immer die selbe Struktur. Geist und Körper, Verfolgungen ausgesetzt, der Selbstschutz und das Spiel mit der Macht. Meinen Erzählungen folgend, die teilweise exzidierenden Erinnerungen, er genoss es, ich begab mich langsam auf den Pfad der Ergebung. Alles ist anders, ich bin wie ich bin!


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Bedauernswert ist die Frau, die nichts zu bereuen hat.“

Jeanne Moreau