Kluft

Zu früh und doch zu spät.

„Es begann an diesem Abend!“

Heute denke ich das, jetzt, die Stimmung, Ferne, so nah, die Kammer fremder, den Zettel halte ich ungelesen in der rechten Hand. Erst als die Schritte im Haus verstummten schloss ich ab, der Blick der Hausherrin war anders, fast mahnend, langsam ging ich zum Fenster und schaute in die Nacht hinaus.


Es war 1977 oder 78, wir waren das erste mal im Landheim in Westdeutschland. An den Tagesausflug in die russische Besatzungszone erinnere ich mich gerade ganz genau. Nach Eisenach, von Bad Hersfeld aus, mit dem Bus, bereits 4 Uhr morgens ging es los. Still war es im Bus, die Regularien, das Protokoll, die Fundamente für diesen Trip, es klang alles sehr spannend, fast düster. Nicht dass wir uns stark eingrenzen sollten, die Bedenken waren zum Schutze derer, die uns eventuell in die Quere kommen, unangenehme Nachwirkungen solcher Begegnungen wurden uns ausführlich beschrieben. Gegen 5:30 Uhr „überschritten“ wir die Grenze.


Der Tag erwachte langsam, Felder, kleine Dörfer, hin und wieder Menschen auf der Straße, wenig Verkehr, Graustufen. In dem kleinen Reiseführer erkundigte ich mich über historische Begebenheiten. Die Unterschiede zwischen Südfrankreich und meiner deutschen Heimat waren ja schon enorm, gerade was die Gefühlswelt anging, nun war es aber unbegreiflich, fast surreal.


Lange ist es her. Auf einmal ist alles so nah.
Es ist ganz nah.

Mit 12 Jahren, sorgenlos, täglich das Meer, ausgewähltes Umfeld, direkte Konversationen. Mir war damals schon klar, Entfernungen haben oft nichts mit Kilometern zu tun. Wir versammelten uns vor dem Bus, eine Traube bildete sich, lauschten dem Stadtführer, fremde Kennzeichen. Blicke, Sehnsüchte, Träume, ein Glanz in seinen Augen, irgendwann sprach ich den kleinen Jungen an. Ungläubig, nervös, die Mutter hielt ihn erst zurück, Vorsicht, Angst? Wenn das verboten ist, Kriminelle überall! Heimlich überreichte ich ihm einen Zettel, ein paar liebe Worte, Erinnerungen, etwas Hoffnung, die Adresse ließ ich weg. Nach dem Rundgang, die Gruppe teilte sich wieder, er schaute, winkte dem Bus hinterher, 9 Jahre war er damals, Abschied. Für immer? Gedanken, grausam, echt…


„Hab ich jemals an ihn denken können?“


33 Geheimzahlen, geheime Nachrichten, Geheimgesellschaften. Amazonen, modern und stark.
Wo bist Du gerade?

Ich öffnete die Tür, den Mantel hatte ich noch an, runter, mein Klopfen erzeugte keine Reaktion, war es laut genug? Den Wagen lies ich stehen, fest hielt ich das Schriftstück, die Gedanken trieben mich durch den Ort, eine Insel, gestrandet bin ich nicht, ist er hier?


Momente, die Erregung, alle Ebenen, nichts ist fremd, es erklärt sich ohne Worte, meine Schrift, wie oft wird er an mich gedacht haben? Erst nach Stunden stellte ich mir die Frage, wie das Puzzlestückchen meiner Vergangenheit hier her kam, ungeschützt, lesbar für jedermann?! Sein Name war Thomas, er kam aus der Gegend um Eisenach, kurze Gespräche beim Museumsspaziergang, er war sehr stolz, mit mir, der Göttin… Das Gehen mit solchen Einsichten, die Jahre sind dahin, gefühlt wieder 12, Liebe ist Schmerz, selten habe ich ihn ertragen.


secret societie
Immer am selben Ort, Liebe.

Die Worte des Doktors, des Meisters, sie wirken, mein Körper gerade unschätzbar, der Geist trägt alles. Sitzen, eine kleine Bank in der Nähe des Wegweisers, Mitternacht, Stille. Konzentration, in einem selbst, zurück, vorwärts, alles ist möglich.


für Maria

„Unsere Träume können wir erst dann verwirklichen, wenn wir uns entschließen, einmal daraus zu erwachen.“

Josephine Baker

 

 

PS: Ein einziger Eintrag, alles!